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Was man von hier aus sehen kann - Mariana Leky

Achtung diese Rezension enthält Spoiler!

Samstag Abend konnte ich endlich die letzten 100 Seiten von „Was man von hier aus sehen kann“ fertig lesen.  Als ich die letzte Seite umgeblättert habe, war mir klar, dass ich während des Lesens, gelacht, geweint, zustimmend genickt und manches nicht ganz verstanden habe. Das Buch ist ohne Frage etwas Besonderes für mich. 

Gleich auf den ersten Seiten des Buches erzählt Luise die Hauptfigur von einem Okapi und warum es in ihrem Dorf so gefürchtet wird. Ein Okapi kann man nicht einfach herbei zaubern oder besuchen gehen. Ein Okapi ist sehr selten und erscheint nur ihrer Großmutter Selma in ihren Träumen. Wenn Selma ein Okapi in ihren Träumen sieht, wird innerhalb der nächsten 24 Stunden jemand sterben. Diese Nachricht versetzt das ganze Dorf in Aufregung, denn so wie in jeder kleinen Seelengemeinde funktioniert die Buschtrommel höchst effektiv. Okapis sind in der Realität als Waldgiraffen bekannt und tatsächlich sehr lustig anzusehen. 

 

Das Buch setzt sich aus drei Teilen aus Luises Leben zusammen und in jedem der Teile stirbt eine ihr nahestehende Person. Als Selma nun also von dem Okapi träumt, beginnt es im Dorf zu rumoren. Es werden Vorkehrungen getroffen und in diesen 24 Stunden sieht man zweimal nach links und rechts, wenn man über die Straße geht. Selma bemüht sich ihrer Enkelin Luise beizubringen dem Trubel nicht allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken, denn Tatsache ist doch, dass der Tod nicht nur heute vorbeikommen kann und schon gar nicht klopft er an die Tür und fragt, ob er eintreten darf. Während alle aufgeregt auf die Nachricht eines verstorbenen Menschen warten, lernt der Leser durch Luise, Martin und Pat kennen. Martin ist ihr Schulfreund. Sie sind  im Alter von 10 Jahren und verbringen ihre gesamte Zeit zusammen. Martin tröstet Luise, als sie einen kleinen Vogel finden, der aus seinem Nest gefallen ist, und die Kinder des Nachbardorfes ihn erschlagen, um sein Leiden zu verkürzen. Luise sagt daraufhin die liebsten Worte: „Ich beschloss Martin zu heiraten, weil ich fand, der Richtige sei der, der einem das Hinsehen erspart, wenn die Welt seinen Lauf nimmt.“

 

Pat ist Martins Vater und ständig betrunken, er schlägt Martin und braucht dafür keinen Grund. Er tut es einfach. Und dann gibt es in dieser Geschichte noch den Optiker. Der Optiker ist verliebt in Selma und das schon seit langer, langer Zeit. Selma und der Optiker sind so etwas wie Ersatzeltern für Luise, denn obwohl beide Eltern physisch in ihrer Nähe sind, sind sie mit ihrem Geist sehr weit entfernt. Weil man kurz vor dem nahen Tod oft seine Geheimnisse loswerden möchte, macht der Optiker Selmas bester Freundin ein Geständnis. Er hat den Hochsitz von Pat angesägt. Noch in derselben Nacht machen sich beide getrennt voneinander auf den Weg, den Hochsitz wieder zu befestigen. Kommt der Tod vielleicht doch nicht so unvermutet? Nach 24 Stunden atmet das ganze Dorf auf und die Kinder machen sich wie jeden Tag mit dem Zug auf den Weg in die Schule. Martin lehnt sich gegen die Tür, der Zug beschleunigt und sie springt auf. Der Tod kam schnell, kalt und grauslich. Es gab keine Vorwarnung oder Verabschiedung. Sicher könnt ihr euch denken, wer hier einen schnellen Tod gefunden hat.

 

Luise ist nun erwachsen und hat eine Festanstellung in einer Buchhandlung. Sie ist zufrieden mit ihrem Leben aber noch immer untröstlich ihren Freund Martin verloren zu haben. Eines Tages wird der Familienhund vermisst und Luise trifft während der Suche nach ihm auf die Liebe ihres Lebens, einem Deutschen der zum Buddhismus konvertiert ist und in Japan in einem Kloster lebt. Bis Luise und er zusammenfinden dauert es eine ganze Weile. Die Autorin erzählt von Zeitverschiebung und Widerständen und insbesondere von Luises Verstockung und einem Kasten der ganze 9 Jahre nicht aufgebaut wurde. Sie erzählt von einem ganz normalen Leben und Luises Angst einen Schritt über den Tellerrand zu wagen. 

 

Lasst uns noch ein wenig über Luises Verstockung sprechen, denn ich hatte oft dasselbe Gefühl. Als offener Mensch spricht man gern mit anderen Leuten, lacht und gibt sich ungezwungen. Lernt man jedoch einen Menschen kennen, den man ganz gut findet, macht sich Verstockung breit. Ich habe dieses Gefühl oft in meinem Leben gehabt und kein Wort heraus gebracht. Nie konnte ich es benennen und heute weiß ich, dass ich genauso verstockt wie Luise oder wie jedes andere verliebte Mädchen auf der Welt bin. Die Autorin hat dieses Wort meiner Meinung nach meisterhaft gewählt, den wer hat denn nicht ab und zu mit Verstockung zu kämpfen.

 

 Und dann gibt es da noch Luises Eltern. Sie sind doch wirklich sehr speziell und mehr mit sich selbst als mit ihrer Tochter beschäftigt. Ihr Vater ist ein Weltenbummler, der sich auf die Reise durch viele Teile der Erde macht, um wie er sagt: „die Welt herein zu lassen“. Luises Mutter ist mit der Frage beschäftigt, ob sie ihren Vater verlassen soll und ob sie ihn noch liebt. Sie ist von dieser Frage oft so eingenommen, dass Luise zweitrangig wird. Als Luises Mutter sich endlich dafür entschied ihren Vater nicht mehr zu lieben, muss sie ihr dies sofort mitteilen und ruft sie an. Was passiert keine zwei Minuten danach ? Luises Vater ruft sie an, um ihr zu sagen, dass ihre Mutter nicht ans Telefon geht und er spürt das irgendetwas Wichtiges passiert ist. Nun sitzt er irgendwo an einem entfernten Ort und kann an der Tatsache das Luises Mutter sich von ihm gelöst hat nichts ändern. Die Gespräche mit den Beiden ziehen sich über Minuten und als Luise zurück ins Bett zu Felix dem buddhistischen Mönch kriecht, stellt er die wohl offensichtlichste und meiner Meinung nach lustigste Frage: „Können Sie dich damit nicht in Ruhe lassen?“

 

Felix und Luise sehen sich lange Zeit nach dieser Nacht nicht wieder, denn er ist überzeugt für das Leben im buddhistischen Kloster gemacht zu sein. Erst als Luise einen erneuten Schicksalsschlag erlebt, kommt Felix zurück und sie kann ihm ihre Liebe gestehen.

 

Im zweiten Teil des Buches wird so manches Geheimnis enthüllt. Als der Optiker in großer Runde etwas Verkünden möchte, halten alle den Atem an, denn jeder weiß, um seine Liebe zu Selma. Es kommt jedoch alles anders und der Optiker gesteht Pat, dass er ihn umbringen wollte, weil er Martin beschützen wollte. Pat zeigt viel Verständnis und macht ebenfalls ein Geständnis! Pat hatte ebenfalls einen Mord geplant. Wen und warum müsst ihr selbst nachlesen, es lohnt sich auf jeden Fall! 

 

M. Leky verwendet sehr oft das Stilmittel der Wiederholung in ihren Sätzen und Wörtern. Für mich hat es den Roman dadurch interessanter und witziger vermacht. Abschließend muss man sagen, dass dieses Buch auch sehr kitschig sein kann. Ich finde aber es ist eine gute Art von Kitsch, denn eine liebevolle Familie die einen nach dem Tod geliebter Menschen auffängt, kann sich jeder von uns nur wünschen. 

 

Hat die Rezension euch gefallen? Lasst mich es in den Kommentaren wissen. 😀

Lg Manu

 

Erschienen im Dumont Buchverlag (hier findet ihr auch den Link zur Leseprobe): https://www.dumont-buchverlag.de/buch/leky-was-man-von-hier-aus-sehen-kann-9783832198398/

 

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